Der fehlende HiFi-Beipackzettel
– zum Grundsatz zeitlicher Integrität akustischer Wiedergabe
"Wenn dich die Pauken ganz vorne,
- nahe der ersten Geige stören -
dann bist du hier goldrichtig."
1. Ausgangspunkt
High Fidelity bedeutet dem Wortsinn nach Treue zum Original. Das Original eines akustischen Geschehens ist kein elektrisches Signal, sondern ein physikalisches Ereignis: die Ausbreitung mechanischer Druckänderungen in Luft. Schall breitet sich mit endlicher Geschwindigkeit aus – etwa 343 Meter pro Sekunde. Diese Tatsache ist kein technisches Detail, sondern die konstitutive Bedingung akustischer Realität.
2. Zeit als Fundament räumlicher Wahrnehmung
Da Schall Zeit benötigt, um Distanzen zu überwinden, entsteht Räumlichkeit zwangsläufig aus Laufzeitunterschieden.
- Abstand ist Zeitdifferenz.
- Tiefe ist Laufzeitstruktur.
- Räumliche Ordnung ist zeitliche Kausalität.
Ein praktisches Beispiel: In einem Orchester sitzt die erste Geige vorne, die Pauken mehrere Meter dahinter. Zehn Meter Abstand entsprechen rund 30 Millisekunden zusätzlicher Laufzeit. Diese Differenz ist physikalisch zwingend und die Grundlage unserer intuitiven Wahrnehmung von Nähe und Ferne. Das menschliche Hörsystem arbeitet primär zeitbasiert. Interaurale Laufzeitdifferenzen und Einschwingvorgänge bestimmen unsere räumliche Interpretation. Amplituden- und Spektralinformationen wirken ergänzend, nicht konstitutiv.
3. Konsequenzen für die Definition von High Fidelity
Wenn High Fidelity als Ereignistreue verstanden wird, muss die konsistente Übertragung dieser zeitlichen Kausalstruktur das oberste Qualitätskriterium sein. Eine Wiedergabe, die räumliche Staffelung nicht stabil differenziert, Laufzeitrelationen unplausibel abbildet oder Entfernungsinformation nivelliert, unterschlägt ein fundamentales Merkmal des Originals. In solchen Fällen bleibt die Optimierung von Verzerrungswerten oder spektraler Linearität sekundär. Diese Parameter betreffen Feinheiten – nicht das konstitutive Ordnungsprinzip.
4. Problemstellung der gegenwärtigen Praxis
In der aktuellen HiFi-Praxis stehen überwiegend amplitude- und signalbezogene Kennwerte im Vordergrund. Zeit wird technisch erfasst, jedoch selten als primärer Maßstab definiert. Damit verschiebt sich der Fokus von der Übertragung eines physikalischen räumlichen Prozesses hin zur Reproduktion eines Signals. Das Resultat mag beeindruckend klingen, doch ohne Chance, eine räumlich-kausale normale Struktur des Originals zu erhalten.
5. Marktmechanismen und begriffliche Verschiebungen
In der gegenwärtigen Branchenpraxis ist eine begriffliche Verschiebung zu beobachten: Phänomene, die aus zeitlicher Inkohärenz resultieren, werden nicht als Abweichung analysiert, sondern als klangästhetische Eigenschaften vermarktet. Bezeichnungen wie "seidige Höhen", „musikalischer Schmelz“ oder „breite Bühne“ werden ins Positive umgedeutet, ohne ihre Ursache als zeitliche Instabilität oder Phaseninkonsistenz zu bezeichnen - und zu reflektieren.
Die physikalische Inkohärenz wird rhetorisch zur High-End-Tugend erklärt.
Schlussbemerkung
Schall ist Bewegung im Zeitverlauf. Die Erhaltung seiner zeitlichen Kausalstruktur ist keine optionale Veredelung, sondern die Voraussetzung räumlicher Glaubwürdigkeit unseres Hörens,
sowohl im Leben,
als auch bei HiFi!
Denn wir haben keinen Umschalter fürs Gehör.
High Fidelity beginnt nicht bei Bits.
Nicht bei Kabeln.
Nicht bei Verzerrungswerten.
Hören beginnt bei 343 Metern pro Sekunde.
Ohne Ausnahme.